Suche
Suche Menü

Anwaltsvertrag beim Ausscheiden des betreuenden Anwalts

BGH-Urteil vom 15.01.2026 – IX ZR 153/24

Ein Mandant hatte eine Sozietät in einem familienrechtlichen Verfahren beauftragt. Nach Bearbeitung durch eine Anwältin informierte diese bei ihrem Ausscheiden ihre Mandanten über die Möglichkeit, das Mandat in der neuen Kanzlei fortzuführen. Ein verbleibender Partner jedoch widerrief die für die Sozietät zuvor erteilte Zustimmung zur Mandatsübernahme. Der Mandant klagte und erhielt in allen Instanzen Recht.

Mandat besteht mit der Kanzlei

Der IX. Zivilsenat des BGH stellt in seinem Urteil vom 15.01.2026 – IX ZR 153/24 klar, dass eine Anwaltssozietät der Übernahme des Mandats durch den ausscheidenden Rechtsanwalt zustimmen muss, wenn:

  1. Es sich um einen Einzelauftrag oder einen Auftrag mit beschränktem Gegenstand handelt.
  2. Die Sachbearbeitung allein durch den ausscheidenden Rechtsanwalt erfolgte.
  3. Der Mandant sachlich zutreffend über seine Handlungsmöglichkeiten informiert wurde.
  4. Und keine unlautere Einflussnahme, sondern eine korrekte, nicht manipulative Information des Mandanten stattfand.

§ 32 BORA zum Ausscheiden

Weiterlesen

KI und Berufsrecht

Inanspruchnahme von Dienstleistern

Die Nutzung von unzähligen KI-Tools hat auch Einzug in die Kanzleien gefunden; Rechtsanwälte und Steuerberater nutzen diese und sind – bei der Weitergabe/Verarbeitung von Mandatsdaten – berufsrechtlich verpflichtet, die berufsrechtlichen Vorgaben bei der Einschaltung von Dienstleistern zu wahren.

Software Nutzung (§ 43e BRAO oder § 62a StBerG)

Bei der Nutzung von (cloudbasierter) Software kommt es – technisch gesehen – zu einem Bruch der Schweigepflicht, da der Software-Anbieter zumindest theoretisch Zugriff auf die Mandatsdaten nehmen könnte. Da insoweit regelmäßig keine gängige Ausnahme vom Bruch der Schweigepflicht (bspw. Einwilligung des Mandanten oder berechtige Interessen der Kanzlei; § 43a Abs. 2 S. 3 BRAO oder § 2 Abs. 4 BORA) vorliegt, wird in solchen Fällen auf die Erlaubnisnorm des § 43e BRAO zurückgegriffen.

Weiterlesen

Das Hinweisgeberschutzgesetz im Überblick

In einer Arbeitswelt, die zunehmend Wert auf Transparenz und ethisches Handeln legt, rückt der gesetzgeberische Schutz von Menschen, etwaige Missstände aufdecken, stärker in den Fokus. Seit dem 2. Juli 2023 ist das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) in Deutschland in Kraft getreten. Dieses Gesetz ist weit mehr als nur eine bürokratische Neuerung, sondern bedeutet einen großen Schritt für Integrität und Verantwortlichkeit in Unternehmen und Behörden.

Ziele

Das HinSchG, das eine entsprechende EU-Richtlinie in deutsches Recht überführt, verfolgt klare und wegweisende Ziele:

  • Umfassender Schutz für Hinweisgeber: Personen, die den Mut haben, auf Unregelmäßigkeiten hinzuweisen, sollen effektiv vor jeglichen Repressalien – sei es eine Kündigung, Degradierung oder andere Benachteiligungen – bewahrt werden.
  • Frühe Aufdeckung von Missständen: Das Gesetz soll dazu beitragen, Straftaten, Ordnungswidrigkeiten und andere Rechtsverstöße frühzeitig zu erkennen, zu untersuchen und abzustellen.
  • Förderung einer Kultur der Offenheit: Es ermutigt Unternehmen und Behörden, eine transparente und ethische Unternehmenskultur zu etablieren, die Compliance aktiv lebt.

Betroffene

Weiterlesen

Ist die Preisgabe personenbezogener Daten als „Kosten“ iSd UWG zu bewerten?

Vorlage an EuGH zu Nr. 20 des Anhangs zu § 3 Absatz 3 UWG

Einleitung

Der BGH hat dem EuGH die Frage vorgelegt, ob der Begriff der „Kosten“ iSv Nr. 20 des Anhangs I in Verbindung mit Art. 5 Absatz 5 der UGP-RL (RL 2005/29/EG) – in Deutschland umgesetzt in Nr. 20 des Anhangs zu § 3 Absatz 3 UWG – auch die Preisgabe personenbezogener Daten und Einwilligung in ihre Nutzung zu kommerziellen Zwecken erfasst (BGH, Beschl. v. 25.9.2025 – I ZR 11/20).

Nr. 20 des Anhangs zu § 3 Absatz 3 lautet: „Ein Produkt wird als „gratis“, „umsonst“, „kostenfrei“ oder Ähnliches beschrieben, obwohl der Verbraucher weitere Kosten als die Kosten zu tragen hat, die im Rahmen des Eingehens auf die Geschäftspraktik und für die Abholung oder Lieferung der Ware unvermeidbar sind.“

Verfahrensgang

Ein Verbraucherverband hielt die Angabe „Facebook ist und bleibt kostenlos“ auf der Startseite der Internetplattform für unlautere Irreführung. Das LG Berlin wies die Unterlassungsklage ab (Urt. v. 16.1.2018 – 16 O 341/15) und auch die Berufung vor dem KG hatte keinen Erfolg (Urt. v. 20.12.2019 – 5 U 9/18). Nun hat der BGH als Revisionsinstanz zu entscheiden – und das Verfahren zur Klärung der eingangs genannten Rechtsfrage durch den EuGH ausgesetzt (BGH, Beschl. v. 25.9.2025 – I ZR 11/20).

Weiterlesen

Der Weiterbeschäftigungsanspruch des abberufenen GmbH Geschäftsführers

LAG Hessen, Urteil vom 28.4.2025 – 7 SLa 739/24

Eine aktuelle Entscheidung des LAG Hessen Urteil vom 28.4.2025 – 7 SLa 739/24 – zur unwirksamen Kündigung eines Fremdgeschäftsführers – setzt sich mit der Frage des Weiterbeschäftigungsanspruchs auseinander.

Das Urteil stärkt die Position von Führungskräften bei formellen Fehlern im Kündigungsprozess.

Arbeitsverhältnis oder Dienstverhältnis

Der Kläger war seit 2018 als Fremdgeschäftsführer bei einem Import-Export-Unternehmen auf Basis eines „Dienstvertrags“ angestellt, das Teil eines großen türkischen Konzerns ist. Das monatliche Bruttogehalt belief sich auf über 16.000 Euro. Im August 2023 beschloss der Aufsichtsrat der Beklagten, den Geschäftsführer abzuberufen und seinen Anstellungsvertrag ordentlich zu kündigen.

Die Kündigung wurde am 11. August 2023 ausgesprochen, unterzeichnet von der Aufsichtsratsvorsitzenden und einem weiteren Aufsichtsratsmitglied. Der Kläger wies diese Kündigung jedoch umgehend zurück. Sein Hauptargument: Ihm sei keine Vollmachtsurkunde vorgelegt worden, weshalb er die Vertretungsmacht der Unterzeichnenden rügte (Zurückweisung gemäß § 174 BGB).

Weiterlesen

Darf alkoholfreier Gin auch „Gin“ heißen?

Bezeichnung als „alkoholfreier Gin“ für alkoholfreies Getränk unzulässig

Einleitung

Der EuGH musste darüber entscheiden, ob die Bezeichnung eines alkoholfreien Getränks als „alkoholfreier Gin“ nach Art. 10 Abs. 7 der Verordnung (EU) 2019/787 erlaubt ist oder nicht. Der EuGH verneinte das im Ergebnis (EuGH, Urt. v. 13.11.2025 – C-563/24).

Sachverhalt

Die Beklagte bot an und bewarb u. a. ein alkoholfreies Getränk mit der Bezeichnung „Virgin Gin Alkoholfrei“.

In dieser Werbung für dieses Getränk sah der Kläger einen Verstoß gegen Art. 10 Abs. 7 Verordnung (EU) 2019/787. Gemäß Anhang 1 Nr. 20 der Verordnung 2019/787 müsse Gin durch Aromatisieren von Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs mit Wacholderbeeren hergestellt sein und der Mindestalkoholgehalt 37,5% vol. betragen. Da diese Anforderungen nicht erfüllt seien, dürfe die Beklagte das in Rede stehende Getränk nicht unter der Bezeichnung „Gin“ zum Verkauf anzubieten.

Weiterlesen

Der Sozietätswechsler

Änderung im anwaltlichen Berufsrecht

Der Referentenentwurf des BMJV zum Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung aufsichtsrechtlicher Verfahren und zur Änderung weiterer Vorschriften im Bereich der rechtsberatenden Berufe sieht eine Anpassung der Regelung zum sog. „Sozietätswechsler“ vor.

§ 42 BRAO – Tätigkeitsverbot bei widerstreitenden Interessen

(1) Der Rechtsanwalt darf nicht tätig werden, wenn er einen anderen Mandanten in derselben Rechtssache bereits im widerstreitenden Interesse beraten oder vertreten hat.

(2) Das Tätigkeitsverbot im Sinne des Absatzes 1 gilt auch für Rechtsanwälte, die ihren Beruf gemeinschaftlich mit einem Rechtsanwalt ausüben, der nach Absatz 1 nicht tätig werden darf. Ein Tätigkeitsverbot nach Satz 1 bleibt bestehen, wenn der nach Absatz 1 ausgeschlossene Rechtsanwalt die gemeinschaftliche Berufsausübung beendet.

Weiterlesen

Nachweis der Unrichtigkeit eines elektronischen Empfangsbekenntnisses

KG Berlin, Beschluss vom 15.05.2025 – 17 U 4/25

Der Abgabewille zählt (meistens)

Das KG Berlin (Beschluss vom 15.05.2025 – 17 U 4/25) hat geurteilt, dass die Angabe eines Empfangs eines Urteils sechs Wochen nach Eingang und zwei Wochen nach Kenntnisnahme des Urteils in einem elektronischem Empfangsbekenntnis nach den Umständen des Einzelfalles willkürlich und damit treuwidrig sein könne.

Zustellung des Urteils

Ein Urteil wurde den Parteivertretern am 23.12.2024 elektronisch übermittelt. Der Klägervertreter übermittelte das elektronische Empfangsbekenntnis (eEB) am selben Tag. Der Beklagte übermittelte sein eEB erst am 03.02.2025 und gab dieses Datum als Empfangszeitpunkt an. Die Berufung ging am 03.03.2025 beim Kammergericht ein.

Aufgrund des Bestreitens des Klägers ordnete der Senat die Vorlage des beA-Nachrichtenjournals des Beklagten an. Aus diesem ergab sich, dass das Urteil am 23.12.2024 im Postfach des Beklagten eingegangen und von ihm am 09.01.2025 um 21:59 Uhr geöffnet worden war. Der Beklagte rechtfertigte die späte Bestätigung mit einer Arbeitsüberlastung durch andere Fristsachen, einer am 28.12.2024 überraschend abgesagten Hochzeit und einer daraus resultierenden emotionalen Überforderung. Er sei deswegen vom 06.01.2025 bis zum 17.01.2025 krankgeschrieben gewesen. Er habe das Urteil zwar am 09.01.2025 geöffnet, aber erst am 03.02.2025 inhaltlich zur Kenntnis genommen und das eEB abgegeben.

Verwerfung der Berufung

Weiterlesen

Neurodung des anwaltlichen Berufsrecht

§ 38 BRAO – § 43a BRAO

Grundpflichten werden neu sortiert

Der Referentenentwurf des BMJV zum Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung aufsichtsrechtlicher Verfahren und zur Änderung weiterer Vorschriften im Bereich der rechtsberatenden Berufe sieht eine Umstrukturierung der BRAO vor; künftig sollen die Grundpflichten wie folgt angeordnet sein:

§ 38 BRAO – Allgemeine Berufspflicht

Der Rechtsanwalt hat seinen Beruf gewissenhaft auszuüben. Er hat sich innerhalb und außerhalb des Berufs der Achtung und des Vertrauens, die oder das die Stellung des Rechtsanwalts erfordert, würdig zu erweisen.

§ 39 BRAO – Unabhängigkeit

Der Rechtsanwalt darf keine Bindungen eingehen, die seine berufliche Unabhängigkeit gefährden.

§ 40 BRAO – Verschwiegenheit

Weiterlesen

Umweltwerbung „in a nutshell“

Mittlerweile spielt Umweltwerbung eine sehr präsente Rolle, nicht zuletzt, weil Klimawandel und Umweltverschmutzung zu drängenden globalen Herausforderungen geworden. Umweltwerbung (auch „green claims“) sind Aussagen, die Produkte, Dienstleistungen oder Unternehmen als umweltfreundlich darstellt, um ein nachhaltiges Image aufbauen und Kaufentscheidungen ökologisch motivieren.

Was ist Umweltwerbung?

Umweltwerbung kann sich auf verschiedenste Umwelt-Aspekte beziehen, also beispielsweise auf Recycling, Klimaneutralität oder Energieeffizienz. Sie zielt darauf ab, das Bewusstsein für Umweltthemen zu schärfen und die Verbraucher dazu zu veranlassen, umweltfreundliche (Kauf-)Entscheidungen zu treffen. Diese Werbung mit Umweltaspekten wirkst sich auf die Wahrnehmung des Unternehmens und dessen Produkten/Dienstleitungen in der Öffentlichkeit aus: Unternehmen, die sich aktiv für den Umweltschutz einsetzen und dies in ihrer Werbung kommunizieren, können das Vertrauen der Verbraucher gewinnen und dadurch ihren Absatz erhöhen. Betroffen sind quasi sämtliche Branchen, darunter Reiseunternehmen, Süßigkeitenhersteller und Investmentfonds.

Praktische Beispiele

Weiterlesen